Sehr selten gehört: das Arpeggione

Nach italienischem Barock und Wiener Klassik wendet sich das Appenzeller Kammerorchester nun der Romantik zu – auf der Suche nach weiten Bögen, neuen Farben und lyrischer Tiefe. Das Programm verspricht eine musikalische Rarität: Franz Schuberts Arpeggione-Sonate mit dem Original-Instrument, dem Arpeggione. Solist ist Martin Zeller, unter anderem Solocellist der Bachstiftung. Dazu kommen Werke von Max Bruch und Johan Svendsen. Bruch greift in seiner Serenade auf schwedische Melodien zurück und verbindet schlichte Linien mit der spätromantischen Klangsprache. Svendsen verarbeitet nordische Melodien zu tänzerisch geprägten Werken. Ein buntes Programm für lange, sonnige Juni-Abende.

Die Romantik entwickelte sich um 1800 aus einer geistigen Bewegung, die Kunst, Philosophie und Lebensgefühl grundlegend veränderte. Die Frühromantiker glaubten an eine ideale Welt hinter dem Sichtbaren. Sie prägten die Vorstellung einer idealen, jenseitigen Welt, die hinter dem Sichtbaren liegt. Das Kunstwerk war für sie ein Fenster zur inneren Wahrheit – zu etwas Grösserem. Sie erweiterten die klassischen Formen und erfüllten die Musik mit grösserer Innerlichkeit, vielfältigen Klangfarben und dramatischen Stimmungswechseln.

Das öffentliche Leben war zu der Zeit von Restauration, Kontrolle und Zensur bestimmt. Im Biedermeier verlagerte sich das gesellschaftliche und kulturelle Leben deshalb zunehmend in private und gesellige Räume, im Haus wie im Freien. Hausmusik, Lied und Kammermusik prägten eine Kunst des kleinen Rahmens. Zugleich gewannen volksmusikalische Elemente an Bedeutung. 


Programm für laue Sommerabende. Illustration: Werner Meier.

Ausdruck gesellschaftlicher Umbrüche

Diese Ideen formten sich in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche. Europa befand sich nach Revolution und politischer Neuordnung in einer Phase der Spannungen. Das Bürgertum gewann an kultureller Bedeutung, und das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit und Individualität wuchs. Fragen nach Identität und Herkunft rückten stärker ins Bewusstsein. All dies spiegelte sich in der Kunst: Gefühl, Sehnsucht, Innenschau und das Motiv der Heimat wurden zentral; vertraute Formen öffneten sich, und das künstlerische «Oeuvre» erhielt eine neue, nahezu sakrale Bedeutung.

Gefühlswelten hörbar gemacht

Auch die Musik trat in eine neue Epoche ein. Die frühen Romantiker erweiterten die klassischen Formen und lösten sich zunehmend von den galanten, höfischen Gesten des 18. Jahrhunderts. Sie erfüllten die Musik mit neuer Innerlichkeit, gesteigerter Ausdruckskraft und intensiver Dramatik. Melodien wurden weiter und persönlicher, ihre Periodik freier, die Harmonik kühner, Stimmungen und Farben gewannen an Bedeutung. Lieder boten den Komponisten ein ideales Gefäss, um poetische Erzählungen, Jenseitigkeit und Gefühle in neuer Form zu gestalten. Dabei wurde die eigene Sprache – die Sprache des Volkes – wichtig für die Auseinandersetzung mit Herkunft und Identität. Ihr Tonfall, Duktus und Rhythmus prägten die neuen Melodien, mit denen die heimatlichen Landschaften gemalt, Volksmärchen vertont und die Gefühlswelten hörbar gemacht wurden.

Ungewohntes Solo-Instrument

In diesem Umfeld entwickelte Franz Schubert seine Musik. 1824 gehört zu seinen produktivsten Jahren. Damals entstand unter anderem die Sonate für Arpeggione und Klavier. Das Arpeggione, auch «Guitarre d’amour» genannt, wurde 1823 erfunden, war nur wenige Jahre in Mode und verschwand bald wieder. Mit seinen sechs Saiten und Bünden erinnert es an die Gitarre, wird jedoch mit dem Bogen gestrichen. Sein Ton wirkt zugleich neu und fremd und erinnert in seiner weichen Färbung an eine vergangene Klangwelt.


Ungewohntes Instrument, das Arpeggione. Bild: Martin Zeller.

Für Schubert eröffnete das Instrument neue Möglichkeiten. Die Sonate verbindet liedhafte Kantabilität mit klarer Form. Der Solopart entfaltet sich wie eine Stimme – erzählend, träumend, erinnernd. Charakteristisch sind gezupfte, arpeggierte Akkorde sowie tänzerische Bewegungen und volksnahe Wendungen, die der Musik Unmittelbarkeit verleihen. Besonders im langsamen Satz entsteht jene für Schubert so typische schwebende Klangwelt: ein Innehalten zwischen Melancholie und Trost.

Franz Schuberts Arpeggione-Sonate in a-Moll d 821 ist oft in einer Fassung für Cello und Klavier zu hören. Das Appenzeller Kammerorchester konnte als Solist mit Martin Zeller, unter anderem Solocellist der St.Galler Bachstiftung, einen der ganz wenigen Arpeggione-Spieler gewinnen. Das gibt dem Programm eine besondere Attraktivität.


Solist ist der Zürcher Musiker Martin Zeller. Bild: Matthias Müller.

Auf dem Programm stehen zudem zwei schwedische Volksmelodien, bearbeitet von Johan Svendsen : «Allt under himmelens fäste»" und «Du gamla, du friska, du fjellhöga nord» sowie von Max Bruch die Serenade nach schwedischen Volksmelodien.

 

Nächste Konzerte

Reservieren Sie sich jetzt schon die Daten für das nächste Programm:

  • Donnerstag, 11. Juni 2026, 20.00 Uhr, Kirche Stein AR
  • Freitag, 12. Juni 2026, 19.30 Uhr, Kirche Trogen
  • Sonntag, 14. Juni 2026, 18.00 Uhr, Ziegelhütte Appenzell

Das Orchester geht im neuen Programm auf seiner musikalischen Zeitreise weiter und widmet sich - nach dem italienischen Barock und der Wiener und Pariser Klassik - Werken der Romantik.